Der Wolf ist in der Literatur oft ein Schurke, in der Realität aber ein wichtiger Bestandteil unseres Ökosystems. Seine Rückkehr nach Deutschland ist ein ökologischer Erfolg. Für Pferdebesitzer bringt sie jedoch eine neue, sehr konkrete Herausforderung mit sich: das Risiko eines Wolfsrisses. Das ist kein seltenes Extremszenario mehr, sondern ein Thema, das vor allem in den wolfsreichen Regionen Deutschlands viele Tierhalter beschäftigt. Und der Versicherungsmarkt? Er reagiert, aber nur langsam und mit Unterschieden zwischen den Anbietern.
Das ASCORE Analyse Scoring zeigt: Von 83 analysierten Tarifen in der Tierhalter-Haftpflicht decken lediglich 11 den Wolfsriss explizit ab.
Deutschland und der Wolf: Die Lage 2025 *²
Die Wolfspopulation in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren massiv gewachsen. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) lebten im Monitoringjahr 2024/2025 mindestens 1.636 Wölfe in 219 Rudeln, 43 Paaren und 14 territorialen Einzeltieren in Deutschland. Zum Vergleich: Im Monitoringjahr 2014/2015 waren es noch 268 Individuen. Das entspricht einem Zuwachs von über 500 Prozent in einem Jahrzehnt.
Die Verbreitung ist dabei keineswegs gleichmäßig. Das Wolfsvorkommen konzentriert sich auf einen Korridor von Sachsen über Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bis nach Niedersachsen. Im Monitoringjahr 2024/2025 wies Niedersachsen mit 63 Territorien die meisten Wolfsvorkommen auf, gefolgt von Brandenburg (60), Sachsen (46), Sachsen-Anhalt (38) und Mecklenburg-Vorpommern (34). In Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen sind ebenfalls Wolfsterritorien dokumentiert.
Pferderisse: Selten, aber folgenreich
Pferde gelten gegenüber Wölfen als vergleichsweise wehrhaft. Das zeigt auch die Schadensstatistik der DBBW: Im Jahr 2024 entfielen rund 91 Prozent aller durch Wölfe getöteten oder verletzten Nutztiere auf Schafe und Ziegen. Dennoch gibt es dokumentierte Fälle, in denen Wölfe auch Pferde angreifen, insbesondere Fohlen und Jungpferde auf Weiden ohne ausreichenden Schutz. Aber auch alte Tiere und Kleinpferderassen (Shetlandpony) können betroffen sein.
Eine bundesweit einheitliche, amtlich veröffentlichte Gesamtzahl getöteter Pferde durch Wolfsrisse existiert derzeit nicht als separate Kategorie in der DBBW-Schadensstatistik. Die Dokumentation erfolgt überwiegend auf Landesebene und ist nicht für alle Bundesländer einheitlich zugänglich.
Was jedoch feststeht: Die Zahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere insgesamt ist stark gestiegen. Wurden 2006 noch 40 Wolfsattacken auf Weidetiere registriert, waren es 2024 bereits 1.100 Angriffe. Pferdebetriebe in den wolfsreichen Regionen Norddeutschlands und Seite 2 Ostdeutschlands sind real gefährdet, auch wenn Pferde im Vergleich zu Schafen eine kleinere Zielgruppe für den Wolf darstellen. *³
Staatliche Entschädigung: Ja, aber mit vielen Bedingungen
Pferdebesitzer, deren Tier durch einen Wolf getötet oder verletzt wird, können in den meisten Bundesländern eine staatliche Billigkeitsleistung beantragen. Diese Entschädigung ist jedoch an strenge Voraussetzungen geknüpft. Entscheidend ist der Nachweis, dass ein Wolf eindeutig oder mit hoher Wahrscheinlichkeit der Verursacher war. Dieser Nachweis muss durch ein akkreditiertes Labor erbracht werden, in der Regel durch das Senckenberg-Institut.
Nordrhein-Westfalen etwa entschädigt Pferdehalter ausdrücklich auch für getötete oder verletzte Pferde, sofern der Wolf als Verursacher belegt ist und ein amtlich ermittelter Tierwert vorliegt. Niedersachsen fördert Herdenschutzmaßnahmen für Pferde und Rinder, wenn nachweislich Wolfsübergriffe stattgefunden haben. Die Regelungen variieren von Bundesland zu Bundesland: Es gibt keine einheitliche bundesweite Entschädigungsregelung für Pferde.
Die staatliche Entschädigung ist außerdem subsidiär: Sie greift nur für Schäden, die nicht bereits durch eine Versicherung abgedeckt sind. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Versicherungsleistungen bei fehlender staatlicher Anerkennung oft die einzige Möglichkeit bleiben, den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Und genau hier wird der Versicherungsmarkt relevant. *⁴
11 von 83 Tarifen: Was der Markt konkret leistet
Das ASCORE Analyse Scoring für Tierhalter-Haftpflichtversicherungen zeigt ein klares Bild: Nur 11 der untersuchten Tarife decken den Wolfsriss als eigenständiges Risiko ab. Die Mehrheit der Tarife behandelt den Wolfsriss entweder gar nicht oder schließt ihn implizit aus. *¹
Leistungsumfang:
Wolfsriss (Schadensereignis): Alle 11 Tarife decken den unmittelbaren Tod oder die schwere Verletzung des Pferdes durch einen Wolfsriss ab. Die Deckungssummen bewegen sich zwischen 1.500 Euro und 10.000 Euro pro Schadenfall.
Nottötung: Ein verletztes Pferd, das nach einem Wolfsangriff aus Tierschutzgründen getötet werden muss, verursacht zusätzliche Kosten – vier Tarife übernehmen die Nottötung.
Tierärztliche Behandlungskosten: Nicht jeder Wolfsriss endet tödlich. Schwer verletzte Pferde benötigen intensive tierärztliche Versorgung, die mehrere tausend Euro kosten kann – in nur drei Tarifen unseres Scorings werden die Behandlungskosten übernommen.
Abholung durch den Abdecker: Die ordnungsgemäße Beseitigung eines getöteten Tieres durch die Tierkörperbeseitigungsanstalt ist gesetzlich vorgeschrieben und verursacht zusätzliche Kosten – sieben Tarife im Scoring übernehmen diese.
Entschädigungsgrenzen und Deckungssummen: Die Spanne der versicherten Summen reicht von 1.500 Euro bis 10.000 Euro. Gerade bei hochwertigen Pferden oder Zuchttieren kann das deutlich zu wenig sein. Produktverantwortliche sollten prüfen, ob die Deckungssumme realistische Tiermarktwerte abbildet.
ASCORE Analyse Scoring
Von 83 analysierten Tarifen decken nur 11 den Wolfsriss ab. Ein Blick zeigt: Es gibt Raum für differenzierte Produktlösungen, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Pferdehaltern in den betroffenen Regionen zugeschnitten sind.
Beitrag von Christina Frese
Versicherungsanalystin Komposit
ASCORE Das Scoring GmbH

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